»Ein Stück Würde«

Respektvoller Umgang mit Armut durch Pfandringe?

Aachen, 2. März 2014

Ellen Begolli   Foto: Andreas Schmitter/AachenDas Thema Pfandringe bzw. Pfand gehört daneben beschäftigt derzeit viele Kommunen im Land. Auch in Aachen wurde ein Ratsantrag zur Installation dieser Ringe und Ablagen für verpackte Essensreste, sog. Doggybags, gestellt.

Die Befürworter argumentieren, dass die zunehmende Armut immer mehr Menschen dazu zwinge, durch Flaschensammeln oder Essensreste aus dem Müll ihren Lebensunterhalt zu sichern. Solche Einrichtungen seien auch erforderlich, um das Verletzungsrisiko und die Infektionsgefahr zu minimieren, die durch den Griff in Mülltonnen entstehen. Außerdem garantiere es den respektvollen Umgang mit armen Menschen und gebe ihnen »ein Stück Würde zurück«. Es sei deshalb gut für das soziale Klima und nicht zuletzt für die Umwelt. Nachfolgend möchte ich mich zu den Doggybags nicht weiter äussern, da sich mir dazu lediglich die Frage stellt: Welchem Hirn entspringt ein solch menschenverachtendes Ansinnen und wie krank muss man sein, in diesem Zusammenhang von Respekt und Würde zu sprechen? Punkt.

Das Thema Pfandringe muss man differenzierter betrachten.

Richtig ist: Die Armut in unserem Land nimmt rasant zu. Immer mehr Menschen sind infolge der Hartz-Gesetze auf staatliche Hilfe angewiesen. Das soziale Netz wird immer durchlässiger und fängt Armut nur noch unzureichend auf, immer häufiger auch gar nicht mehr.

Aus Initiativen und Einrichtungen, die anfangs zur Abmilderung der Armut ins Leben gerufen wurden (Tafeln, Kleiderkammern, Aufwärmstuben, etc.) hat sich mittlerweile eine komplexe Armutsindustrie entwickelt. Diese lebt vor allem von ehrenamtlichem Engagement und vielen schlecht bezahlten Jobs, was wiederum zu Armut trotz Beschäftigung führt – ein Teufelskreis!

Die Linke kann sich dieser Entwicklung nicht gänzlich widersetzen. Unser Ziel, die Bekämpfung der Ursachen von Armut, darf nicht bedeuten, dass wir Menschen solange im Regen stehen lassen, bis eine armutsfeste Grundsicherung durchgesetzt ist. Auch wir fordern Sozialtarife für Mobilität und Energie und unterstützen Einrichtungen, die Menschen beim Überleben helfen. Voraussetzung ist allerdings, dass dies in Würde, respektvoll und ohne Stigmatisierung erfolgt.

Und da wären wir bei der Aussage, die immer im Zusammenhang mit Pfandringen fällt: Man will den Menschen »ein Stück ihrer Würde zurückgeben«. Wurst und Käse gibt es in Stücken (»Geschnitten oder am Stück?«), aber Würde? Nein, die gibt es entweder ganz oder garnicht!

Kommen wir zur Verletzungs- und Infektionsgefahr, die durch das Greifen in Mülleimer gegeben ist. Die ist realistisch und unbestritten. Aber - wären wir Pfandsammler*innen, würden wir uns darauf verlassen, dass alle Flaschen in Pfandringen abgestellt werden? Würden wir nicht trotzdem noch sicherheitshalber in der Tonne nachschauen? Dies räumen auch die Befürworter der Ringe ein. Ebenso sehen sie es als realistisch an, dass die Hemmschwelle für Nichtbedürftige geringer sein könnte, sich am Pfandgut zu bedienen - zum Nachteil der Sammler, die darauf angewiesen sind. Vielleicht enstand so auch die Forderung eines CDU-Politikers, das Pfand zu erhöhen, dann hätten die Bedürftigen mehr davon. Das alles erinnert an längst vergangen geglaubte Zeiten, als Reiche den Armen Almosen gewährten und sich auch noch mit ihrer Mildtätigkeit brüsteten. Und die Frage muss erlaubt sein, wie weit wir dieses System noch ausbauen wollen, bevor wir endlich erkennen, dass man Armut so weder bekämpft noch mildert, sondern verfestigt.

Und während die UWG im Rat sehr ausführlich ihre Argumente für Pfandringe und Essensrestverwertung vortrug und diese fast ebenso ausführlich wieder relativierte , stand für SPD und Grüne die Wertstoffverwertung, also der Umweltaspekt, im Vordergrund.

Die Linke hatte sich nach ausführlicher Diskussion entschieden, wie auch CDU und FDP, Pfandringe abzulehnen - allerdings aus anderen Beweggründen. Für uns stören Pfandringe nicht die Ordnung und Sauberkeit der Stadt, wohl aber unser Verständnis des politischen Auftrags.