Öffentliche Fraktionssitzung der Linken Theater-"General" Schmitz-Aufterbeck schlägt Alarm: "Viele Häuser sind extrem bedroht." Von Werner Czempas

Aachen. "Wir stehen zum Theater!" Über den Satz des Ratsherrn Andreas Müller von der Linken zeigte sich Aachens Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck sichtlich erfreut. Die Linke hatte zum ersten Mal zu einer öffentlichen Fraktionssitzung eingeladen. "Eine Stadt braucht Kultur - Kultur braucht Geld" hieß das Thema der von Linken-Kultursprecher Matthias Fischer geleiteten Diskussion im Theatercafé des Stadttheaters.

Anlass zur öffentlichen Diskussion ist für die Linke die in finanziellen Krisenzeiten immer wieder prompt aufgetischte Forderung in den Kommunen, als erstes bei der Kultur als einer vermeintlich freiwilligen Leistung zu sparen. So sollen laut Ratsmehrheit auch in Aachen rund 500 000 Euro bei den städtischen Eigenbetrieben eingespart werden, zu denen auch die Volkshochschule und die Theater zählen. Fischer: „Kultur darf nicht nur freiwillige Leistung sein, Kultur muss Pflichtaufgabe der Kommune sein.“

Mit knapp über 20 Teilnehmern war die Kultur-Runde im Vergleich zu ähnlichen Veranstaltungen gut besucht, doch hätte sie vom Inhaltlichen her einen stärkeren Andrang der Theater- und Kulturfreunde verdient gehabt. Denn die Art, wie „General“ Schmitz-Aufterbeck, Techniker Jürgen Witte vom Personalrat des Stadttheaters sowie Tom Hirtz als Leiter des Das-Da-Theaters leidenschaftlich die eigene Szenerie beleuchteten, ging über die (gewohnten) Appelle an die Politik hinaus. Schmitz-Aufterbeck: „Es geht nicht mehr um die Frage, muss Theater sein, die Frage ist, welche Gesellschaft wollen wir in 20 Jahren sein.“

„Bild des Jammers“
Als Sprecher der Ständigen Konferenz der Intendanten in Nordrhein-Westfalen wies Michael Schmitz-Aufterbeck auf die von der Konferenz verfasste Resolution zur Situation der Theater hin. „Die Lage der Theater in NRW ist dramatisch, viele Häuser sind extrem bedroht“, so der Aachener „General“. Er sprach von einem „Bild des Jammers“. Es gehe nicht mehr ums Sparen, sondern um massive Streichungen, die Theater würden „ausgepresst wie eine Zitrone“. Michael Schmitz- Aufterbeck forderte das Land zu einem „anderen Denken“ auf, es sollte sich mit einem höheren Zuschuss an der kommunalen Kultur beteiligen. Bei der kommunalen Kulturförderung hinke NRW anderen Bundesländern weit hinterher. Kultur müsse von der Politik anders definiert werden, so Schmitz-Aufterbeck. Es gehe um all das, was eine Stadt lebenswert und zum sozialen Integrationsfaktor macht. Es gehe um die „gesamteKultur“, wozu beispielsweise auch Museen und Bibliotheken, aber auch Schwimmbäder und Kindertagesstätten zählten.
„Wenn es bei den Theatern anfängt“, fürchtet Schmitz-Aufterbeck, „gibt es kein Halten mehr. Wenn Theater zumachen, gibt es keinen Grund mehr, Museen offen zu halten.“ Das Land müsse gegensteuern, „um zu verhindern, dass alles zusammenbricht“. Ein Staat, der in der europäischen Finanzkrise subventioniere, könne es sich nicht leisten, „das eigene Land kulturell verarmen zu lassen“. Der Generalintendant warnte vor „unterschiedlichen Städtelandschaften“, in denen die einen reich und die anderen im Ghetto lebten. Das führe zu „italienischen Verhältnissen“, wo in den Städten „nur noch gehandelt, aber nicht mehr diskutiert wird, weil die Kultur fast ausgeschaltet ist“.

Auch Das-Da-Chef Tom Hirtz sieht für sein kleines Haus die Grenze der Belastbarkeit überschritten. Bei einem Jahresumsatz von 500 000 Euro, wovon 450 000 Euro selbst erwirtschaftet würden, zahle die Stadt zwar einen Zuschuss von 50 000 Euro, doch komme das Theater damit nicht mehr aus. Vor allem beim Kinder- und Jugendtheater werde bei jeder Vorstellung draufgezahlt. 20 000 Euro fehlten jährlich. Tom Hirtz machte die Alternative deutlich: „Ist es politisch gewollt, dass es dieses Angebot für Kinder und Jugendliche gibt?“ Wenn ja, brauche sein Theater mehr Geld, ansonsten müsse es sich von dieser Sparte zurückziehen.

Personalrat Jürgen Witte berichtete, dass das Stadttheater „personell am Anschlag“ arbeite. In den vergangenen Jahren seien zahlreiche Stellen aus Kostengründen in der Technik weggefallen. „Weitere Einsparungen führen ohne Zweifel zu Behinderungen des Spielbetriebs“, fürchtet Witte. Schon jetzt arbeite nur noch ein „Rumpf-Ensemble“ am Aachener Haus.„Eine hohe Zahl an Langzeit-Erkrankungen und an Erschöpfungszuständen, der Burn-out-Effekt,gehören zum Berufsbild“, ergänzte Michael Schmitz-Aufterbeck.

Zwei Anträge der Linken
Aus der Diskussion fasste Matthias Fischer für die Ratsfraktion der Linken als erste Anträge zusammen: Erstens solle die Stadt dem Das-Da-Theater die weitere notwendige Unterstützung für den Kinder- und Jugendbetrieb gewähren. Zweitens solle ein städtischer Fonds gebildet werden, der Kindern und Jugendlichen den Besuch Aachener Theater für fünf Euro ermögliche.